• Bruno Küttel

THE WORLD


Die Welt hält stand, auch wenn ihre Krusten brechen.

Osten und Westen, Norden und Süden, die Welt ist klein geworden. Ein Händler aus dem Senegal auf dem Markt in Zürich. Ein buddhistischer Mönch aus Tibet, im Zugabteil nebenan, unterwegs in die Schweizer Berge. Und Freunde von uns in Tansania, wo der Sohn und seine Partnerin Station machen auf der Reise um die Welt. Und viele, viele Menschen von allüberall im Norden drunten im warmen Süden, wo sie Weihnachten unter Palmen feiern … Wie eine Bombe schlägt sie ein, die Nachricht vom Erdbeben und vom Bruch im Meeresboden im fernen Indonesien. Tod und Zerstörung. Eine Riesenwelle über den Süden Asiens bis an Afrikas Küsten.

Zwei Tage nach der schicksalshaften Flut lese ich in der Zeitung von Menschen, die sich hier auf die Reise machten und die dem Unheil dort nur knapp entgangen sind. Ein Mann mit seiner Familie flog auf die Malediven, wo er nicht mehr landen konnte. Umgeleitet nach Colombo auf Sri Lanka, wo auch kein Verweilen mehr war. Dann zurück in die Schweiz über Indien und Dubai. Müde ist er von der langen Reise, auch dankbar und erleichtert, dass ihm und seinen Lieben nichts Schlimmeres widerfuhr.

Oder die Frau aus unserem Nachbardorf, die im letzten Flugzeug sass, das Male noch erreichte. Ohne den Flughafen zu verlassen, traten sie und ihr Mann nur ein paar Stunden später schon wieder den Rückflug an. An Zufälle glaube sie nicht, sagt sie. Für sie sei der Zufall das, was ihr zufallen müsse, was ihr helfe, Sinn und Aufgabe im Leben zu finden. Einige Begebenheiten im Zusammenhang mit der Reise hätten ihr zu denken gegeben. So hätten beim Einchecken am Flughafen sie und ihr Mann aufs Gramm gleich viel Gepäck gehabt. Das gleiche Gewicht, so meint sie, oder eben das Gleichgewicht, sage nicht nur ihr und ihrem Mann etwas, sondern allen, die es sehen und hören wollen. Und Remedium, sagt sie, heisse Heilmittel auf Lateinisch oder Remedy auf Englisch. Und Re-medium, zurück in die Mitte, sagt sie auch.

Und ein paar Tage danach: Das Ahnen wird zur Gewissheit. Die Menschen erzählen vom Freund, von der Freundin, vom Partner, von ihrem Kind, die das Meer nicht mehr hergab. Schmerz und Verzweiflung und Fragen nach dem Warum. Seltsame Fragen auch: Ob da ein Ahnen war bei Menschen, die den Tod in den Fluten fanden?

Eine junge Frau, ihr Freund ist nicht mehr da. An ein Gespräch erinnert sie sich. Sie weiss nicht mehr, wie es kam. Zwei Tage vor dem schrecklichen Geschehen hätten sie vom Ertrinken gesprochen. Es sei kein schlimmer Tod, schnell sei man bewusstlos und sterbe friedlich, habe ihr Freund gemeint. Jetzt ist er weg, ertrunken, wie die Frau annehmen muss.

Und eine Mutter mit ihrem Sohn. Sie suchte, suchte, suchte … Allmählich müsse sie sich an den Gedanken gewöhnen, dass der Sohn nicht mehr komme. Eine Muschel hält sie in der Hand, das Weihnachtsgeschenk, das sie vom Sohn erhielt. Vom Weihnachtsabend erzählt sie, von der CD, die ihr Sohn sich wünschte. Darauf der Song «Octopus’s Garden» von den Beatles. Sie zitiert eine Zeile aus dem Lied: «I’d like to be, under the sea …» Auch vom Spaziergang am Strand erzählt sie und von der Frage des Sohns, ob er eigentlich vor ihr sterben müsse. Man höre ja oft solche Geschichten, sagt sie, und denke, was die Leute da für einen Blödsinn erzählen. Aber vielleicht sei ja tatsächlich ein kleiner Engel auf der Schulter ihres Sohnes gesessen und habe ihm eingeflüstert. Eine Ahnung vielleicht und der Versuch, sie vorzubereiten Schritt für Schritt? – Ihr Versuch der Versöhnung mit dem schweren Schicksal, meint der Mann, der in der Zeitung schreibt.

Und wenn es mehr wäre, vielleicht? Nur ein Schleier zwischen Leben und Tod? Wer lebt, aufgefordert, den Schleier zu durchdringen und den Schritt zu tun, hin zu seinen Lieben? Die Lebenden berührt von denen, die die Welt verlassen haben? Die Grenzen fliessend zwischen hier und dort? Die Welt nicht nur, was sie zu sein scheint?

Und ein paar Tage später: Die Zeitungen sind noch immer voll von Bildern und Berichten aus dem Katastrophengebiet. Kein Ereignis für einmal, bei dem man nach nur ein paar Tagen zur Tagesordnung zurückkehrt.

Eine Frau aus Indien, Physikerin und Philosophin, stellt die Frage, was der Mensch mit seinem Verhalten zur schrecklichen Tragödie beigetragen habe. Von der gnadenlosen Ausbeutung der Meeresküsten spricht sie, von der Zerstörung der natürlichen Schutzwälle, von der Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit der Ökosysteme dort, wo sich Meer und Land berühren. Die globalen Zusammenhänge sieht sie, und sie spricht von Gaia, der Gottheit Erde, die keinen besseren Zeitpunkt und Ort hätte wählen können, um uns Mitteilung zu machen von ihren verborgenen Kräften. Die Nachricht sei klar und deutlich. Erst an zweiter Stelle seien wir Inder, Indonesier, Sri Lanker, Schweden, Thailänder und Malediver. Vor allem, und am wichtigsten, seien wir alle weltweit betroffen, sagt sie, weil die Flut nicht nur Asiaten traf, sondern auch viele Besucher aus allen Teilen der Welt. – Gaia und Gottheit, sagt sie. Mutter Erde füge ich bei.

Ein Name nur, oder mehr? – Vielleicht hat der Mann ja recht, der von der Frau berichtet, mit dem Sohn und mit dem Engel, der einflüstert, Gedanken und Worte vom Sterben … Ein Suchen nach Sinn ohne Ende. Ein Finden für den Moment.

Ein Bild zum Beispiel, das auch Hoffnung macht: nackte Füsse auf nackter Erde. Ein Mädchen rennt über einen Platz. Ein Hof, mit Wasser zur Hälfte bedeckt. Ein Pult, ein Stuhl, wo ist der Rest? Wo sind die Kinder, die hier zur Schule gingen? Wo ihre Lehrerinnen und Lehrer? Wie viele von ihnen … Und im Hintergrund in der Mitte, das Bild beherrschend, eine stabil gemauerte Wand und darauf, übergross gemalt, die Karte von dieser unserer Welt und «THE WORLD» in grossen Lettern. Die Länder in allen Farben, aber das Blau der Meere überwiegt. – Das Wasser, das vernichtet, und das Wasser, das uns nährt.

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