• Bruno Küttel

Irgendwo mittendrin


«Bei Amazon ist dein ‹Erde an Scotty› als E-Book jetzt zu haben. Das Printbuch folgt demnächst.» Das schrieb mir Tanja per Mail, und ich gab ihr zur Antwort: «Zum einen besten Dank für deine Info, zum anderen mein Bedenken: Ich schaue rein ins E-Book und bin befremdet. Keine Abstände mehr zwischen dem Titel und dem Text und keine Abstände zwischen den Mails. War es deinerseits so gemeint? Die E-Book-Version, die ich von dir erhielt, sah noch anders aus. – Und was deinen Blog anbelangt, deinen neuen Beitrag dort: Deine Leichtigkeit hätte ich gern … Aber sie geht mir im Moment noch ab. Mit diesen technischen Dingen – dieses E-Book-Layout zum Beispiel – möchte ich mich am liebsten gar nicht befassen, aber es geht anscheinend nicht anders. Irgendeinen Sinn mag es haben, ich weiss aber noch nicht welchen. Ich verstehe nicht, was da geschieht. Wofür dann dein Gestalten, wenn sie bei Amazon trotzdem machen, was sie wollen. Mir fehlt die Gelassenheit in diesen Dingen. Ich verstehe einfach nicht, was da geschieht.» Und Tanja gab mir zur Antwort: «… Das ist wiederum nur dieser eigenartige ‹Blick ins Buch› – das hatten wir schon, als dein erstes Buch erschien, wenn du dich erinnerst. Lade dir eine Leseprobe runter, die hat dann das abgesegnete Design, wie du es kennst. – Und ja, du hast recht: Sie machen, was sie wollen …» – «… Danke, dass du mich beruhigst, das brauche ich jetzt wirklich», bekam Tanja von mir zu hören, und weiter: «Im Moment des Publizierens ist es für mich einfach wieder eine aufwühlende Sache, wie schon beim ersten Mal. Ich weiss, dass es richtig ist, aber ich kann es nicht laufen lassen. Das Loslassen fällt mir schwer.»

Dann sagte Tanja noch: «Du schreibst von der Leichtigkeit, die ich hätte ... Nein, die habe ich nicht grundlegend. Im Gegenteil, ich hatte gestern Abend einen riesen Knorz in einer eigenen Sache. Und so ist es eher ein Transformieren von Schwerem in das Leichte, immer und immer wieder. Und was Amazon anbelangt und den Buchmarkt generell: Da habe ich schon so viel erlebt … Aber das will ich nicht erörtern. Ich beschloss dann irgendwann, mit Leichtigkeit zu nehmen, was ich nicht ändern kann. Sonst würde ich nicht mehr publizieren, vermutlich. Meine Aufgabe scheint fast dieses Transformieren zu sein. – Deine als Anwalt wahrscheinlich auch, oder?» – «Gut, dass du mich daran erinnerst. Du hast recht, was den Anwalt anbelangt. Dieses Transformieren fällt mir aber deutlich leichter, wenn es um die Klienten geht, als wenn ich in eigener Sache herausgefordert werde.» Und dann liess ich Tanja noch wissen, dass ich unerreichbar wäre die nächsten vier Tage. Zwar nicht wirklich weg, nur auf der Suche nach mir. Ein Seminar mit einem «Indianer-Schamanen» mit Namen Norbert Muigg. Tanja wünschte mir eine inspirierende Zeit, und sie freue sich auf eine neue Geschichte.

Am Tag nach meiner Rückkehr schrieb ich Tanja eine Mail: «Bin zurück, nach vier feurig heissen Tagen im Klosterdorf. Fast 35 Grad war es auch da. Im Saal, wo wir im Kreis zusammenkamen, waren es sogar gefühlte 40 Grad. Und ergiebig war es auch!!! – Aber ob es eine Geschichte wird? … Ich bekam auch Gelegenheit, von meinen Büchern zu erzählen. Die Leute – überwiegend Frauen, wie meistens in diesen Kreisen … und ein Mann als Lehrer vornedran – waren angetan von dem, was ich erzählte, und auch für dich gab es Lob. Auch die Webseite gefällt! – Und die Webseite wird erst recht gefallen, wenn sie immer wieder einmal einen Relaunch erfährt. – So sagt man doch: Relaunch? Muss ich einmal googeln. – In diesem Sinn eine Frage: Geht es nicht demnächst darum, die Webseite auf die Ufo-Version zu trimmen? Wie machen wir es dann, dass das Fisch-Bild nicht ganz verschwindet? Wäre schade darum. Behalten wir eine Seite mit dem Fisch für ‹Vater ist ein Träumer›? – Auch zur ersten Lesung kam ich im Rahmen des Seminars, es hat sich so ergeben. Machte Lust auf Mehr. Es hat mich spüren lassen, wie gern ich das mache vor einem Publikum wie diesem, vor Menschen wie du und ich. ‹Die Zeit ist rund› trug ich vor. Das ist, wie du weisst, die Geschichte, in der meiner Frau und mir im Vorbeigehen in Stuttgart – beiläufig wortwörtlich – der Mayakalender unter die Augen kam, am ersten Tag von diesem Jahr 2012. Das hat perfekt gepasst. – Und übrigens: Das ist eine gute Sache, diese ‹Kosmovision Maya›, wie Norbert Muigg es nennt! Und ein Mann, dieser Norbert Muigg, der aufs Allerschönste verbindet, was auf den ersten Blick nur schwer zusammenpasst. Die Musik von Bach oder Beethoven zum Beispiel mit dem Schamanentum der Mayas, und das eine wie das andere im Konnex mit den Steinen und Plätzen der Kelten in Irland und bei uns. Musik und Wort und Ritual, die sich zu dem runden, was mich und viele berührt – leicht wie die Feder zum einen und hart wie der Trommelschlag. Und immer wieder hat es mich bewegt. Da kamen Dinge in Fluss in diesen Tagen, die ich nicht benennen kann. Ich kann es erst erahnen. – Und bei all dem bezieht dieser Mann aus Österreich und Guatemala immer auch den Ort des aktuellen Geschehens mit ein. Will heissen in diesem Fall: Er stellte eine Verbindung her zum Kloster der Benediktiner, nur ein paar hundert Meter vom Seminarhaus entfernt, und zur Schwarzen Madonna natürlich, die über das Christliche hinaus schon lange ihre Wirkung tut. Und auch zum Weltgeschehen ergaben sich Bezüge, zum Nahen Osten zum Beispiel und den Kriegen dort, oder zu Griechenland, das schicksalshaft an diesem Sonntag über den Euro und über Europa entschied … In dieser ‹Kosmovision Maya› gibt es tatsächlich Instrumente, die einen Beitrag leisten zur Lösung der Probleme dieser Welt, im Kleinen wie im Grossen. Aber natürlich bin ich nicht in der Lage, dir oder jemand anderem auch nur ansatzweise zu erklären, wie das funktioniert. Mir selbst ging es in diesen Tagen ja auch weniger ums Verstehen, als ums Erleben. Ich bin einfach wieder einmal eingetaucht in diese Ebenen, die irgendwie über, unter oder hinter der Materie liegen, oder irgendwo mittendrin. – Und nach diesen vier Tagen kann ich jetzt sagen: Ich bin nicht umsonst vor fünfzehn Jahren an diesen Norbert Muigg geraten. Was da geschieht, ist schön, da werden Brücken gebaut. Was diese Kosmovisionäre zu bieten haben, ist wertvoll für Menschen wie dich und mich, die nach und nach entdecken, wie wichtig es ist – für uns persönlich wie auch für die Gesellschaft –, dass es Brücken gibt, die auf die andere Seite führen. Wir nehmen Brücken in Anspruch, die andere für uns bauen, um nach und nach zu entdecken, dass wir selbst auch Brücken sind … Und in diesem Moment – mein Backstage-Team, wie du weisst – wird mein Blick auf das Bild gelenkt auf meinem Pult, das eine Brücke zeigt, das Bild ist eine Karte. Du kennst diese Karten auch. Ein Abreisskalender zuerst, 52-mal, Woche für Woche für Woche eine neue Ansicht, und ein Sinnspruch dazu. Ich erhielt diesen Kalender vor ein paar Jahren von meinem Sohn geschenkt. Ich behielt die Karten auf, und jetzt mische ich die Bilder neu von Zeit zu Zeit, lege eine andere obenauf, die mir in diesem Moment als die ansprechendste erscheint. Meine letzte Kartenwahl liegt eine Weile zurück, eher Monate als nur Wochen. Das Bild mit der imposanten Brücke, die einen breiten Fluss überspannt, und mit goldenem Licht auf dem Wasser. Dieses Bild also scheint mir zu passen, und das schon eine Weile. Ich hatte keinen Grund, ein anderes Bild zu wählen oder die Karten neu zu mischen. Und auch die zweite Karte passt. Genau die richtige, um hinter der ersten zu stehen. Diese zweite Karte zeigt die Brücke von Avignon, die wir alle kennen – zumindest aus dem Lied, wo die Menschen auf der Brücke tanzen … Getanzt haben wir auch … Aber darum geht es jetzt nicht. Um diese Brücke geht es, die nur noch eine halbe Brücke ist, oder nicht einmal mehr das. Und dazu die folgende Weisheit: ‹Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.› Ein gewisser Dominique Georges Pire habe das gesagt. – Der Spruch auf der anderen Karte, die obenauf liegt, gefällt mir um Welten besser. Jener Spruch also lautet: ‹Von allem, was der Mensch baut und aufbaut, gibt es nichts Besseres und Wertvolleres als Brücken.› Das sagte Ivo Andric, der im letzten Jahrhundert lebte, als es Jugoslawien noch gab, und der ein Schriftsteller und Nobelpreisträger war. Ist es nicht wunderbar, wie Ivo Andric das sagte?! Andric lebt nicht mehr, ist also einer von drüben, einer im Backstage-Team mit freien Kapazitäten. Einer, der helfen kann, hierorts Brücken zu bauen. Also geben wir ihm zu tun! Schöner als es Ivo Andric sagte, kann es keiner sagen. – Auch um unsere Brücken geht es, deine und meine, liebe Tanja. Auch Brücken, wie wir sie bauen – beim Transformieren zum Beispiel, von dem du sprachst.»

Dann schrieb ich noch ein PS: «Jetzt habe ich nachgeschaut, was ‹Relaunch› bedeutet. Heisst einfach ‹Neustart von etwas, das es schon gibt, in einer gewandelten Form›. Und genau das ist es, was wir machen: etwas, das es schon gibt, auf unsere eigene Weise. Und dann schaute ich noch nach, was sie über Dominique Pire schreiben, der mit dem anderen Spruch. Ist auch kein Unbekannter, wie sich zeigt, auch wenn ich ihn nicht kannte. Hat 1958, als ich einjährig war, den Friedensnobelpreis erhalten für sein humanitäres Werk. War selber als vierjähriges Kind 1914 mit den Eltern auf der Flucht. Aus Belgien mussten sie weg. Er wurde dann später ein Dominikanerpater und gründete Hilfswerke für heimatlose Menschen. Auch war es ihm zeitlebens ein Anliegen, dass die Menschen auf dieser Welt ihre kulturellen Unterschiede überwinden. Ein Brückenbauer war Dominique Pire also auch. Er baute grosse Brücken, wir beide bauen kleine. – Auch kleine Brücken braucht es.

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